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#009: 02.03. – 03.03.: „Wir tragen Trauer.“

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#009: 02.03. – 03.03.: „Wir tragen Trauer.“

Monday, 07 March 2011 15:11 | Last Updated (Tuesday, 30 November 1999 00:00)

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An alle, die bereits einmal in Xi’an waren, am neuen Campus, für ein Jahr oder nur für ein paar Tage, euch wird dieser Beitrag nicht gefallen. Denn wir tragen Trauer.
Am Mittwoch findet die Vorlesung „Fachchinesisch“ auf dem neuen Campus statt. „Fachchinesisch“ bedeutet in diesem Fall, dass wir in der Vorlesung Farbenlehre sitzen, einer Vorlesung des zweiten Semesters, und selbstständig Fachvokabular raussuchen. Unser Institutsleiter nimmt uns dafür eigenhändig in seinem Auto mit.
Wir sehen dies als gute Möglichkeit, anschließend den neuen deutschen Studenten einen Besuch abzustatten und ein Essen ist somit vereinbart, da sie bisher nur die Mensa kennen, und da gilt es, unsere ganze Erfahrung und Restaurant-Kenntnisse spielen zu lassen.
Richtig, wir wollen ins kleine Sichuan-Restaurant. Jenes Restaurant in der Fressstraße kurz vorm Dorf, dessen Chef nicht mit Schnaps geizt, dessen hausgemachtes Tofu sensationell schmeckt, dessen Speisekarte scheinbar jedes gutschmeckende Gericht führt, manchmal sogar Hund, dessen Klo sich direkt neben der kleinen, dunklen Küche befindet, durch die dann, offen gelegt, die Leitung dieses Klos führt, sodass man stets, wenn man schnell genug ist, noch seinem Geschäft noch einmal „Lebe wohl!“ sagen kann.
Ja, in dieses fabelhafte, einstige Stammlokal wollen wir wieder hin und den neuen das Gute zeigen.
Es soll nicht dazu kommen.
Ich frage mich, welche höhere Macht zu einer solchen Gräueltat imstande ist, wer Xi’an das Herz entreißen kann, Fakt ist: es ist geschehen. Das kleine Sichuan-Restaurant ist weg. Plattgemacht. Dort, wo einst noch die verzogene Glastür stand, hinter der die fettigen Gummi-Lamellen als Windschutz hingen, klafft jetzt ein großes Loch. Die Mauern sind eingerissen, genau wie in jedem anderen Restaurant nebenan. Hier und da lodert ein Feuer. Es sieht aus wie in einem Kriegsgebiet.
Selbst der Supermarkt, der mit unserer Abreise vor einem Jahr neu errichtet wurde, ist weg, es ragen nur noch die Stahlträger aus den Trümmern. Wir sind wie gelähmt, in Trance wandern wir dennoch weiter in Richtung Grauen. Denn dort, wo einst das Dorf stand, das Dorf, das mit der Stadt Xi’an scheinbar nichts mehr zu tun hat, wo man wahrlich noch sehr erstaunt war, wenn sich mal ein Ausländer verirrt hatte, obwohl nur 500 Meter weiter eine ganze Horde dieser Langnasen wohnt, wo das Fleisch noch auf der Straße liegend verkauft wird und die Hunde noch mit Tollwut rumlaufen, wo mit Manneskraft und Flaschenzügen noch die Backsteinbauten notdürftig in Schuss gehalten wurden, bergen sich nur weitere Trümmerhaufen. Hie und da sitzen zwischen den Trümmern Männlein, um Backsteine von Putz zu trennen, um das Metall von Beton zu lösen.
Die Dorfidylle ist weg, die Restaurants geschlossen, die Menschen vertrieben. Wohin, das ist die Frage. Diese stellen wir einigen Passanten, aber sie zucken nur mit den Schultern.
Martin und ich, mit Tränen in den Augenwinkeln, mit Verzweiflung im Magen, wir können nicht mehr. Wir überlegen, ob wir Blumen an den Ort des Geschehens legen, Jasminblumen vielleicht, aber ein Blumengeschäft existiert hier nicht mehr in den Ruinen zwischen all dem Bauschutt.
Es ist ein großer Kontrast zu erkennen. Rechts der Straßenseite eben beschriebene Ruinen, links davon türmen sich die prestigeträchtigen Bauten der Jiaotong-Universität auf. Die Jiaotong-Universität besitzt bereits geschätzte hundert mal einen Campus (mir ist die Mehrzahl momentan nicht bekannt) in der Stadt und eben dieser neue, prestigträchtige ist einfach nur aus Prestige gebaut, gelehrt wird da nichts.
Dennoch folgen wir dem roten, funkelnden Licht. Wir wandern über das, was Wiesen darstellen soll, geradewegs auf dieses Licht zu, wie einst die Heiligen Drei Könige und auch wie sie landen wir an so etwas wie einer Geburtsstätte. Hier trennt sich aber auch schon der Vergleich zur Geschichte, denn bei uns handelt es sich um eine Wiedergeburtsstätte. Das kleine Sichuan, es lebt. Zumindest in einer abgespeckten Beta-Version.
Die Türen passen, der Boden ist sauber, die Küche recht modern, das Klo ebenso, der Abflusskanal verläuft unterirdisch, die Speisekarte bietet nicht mehr alles, erst recht kein hausgemachtes Tofu mehr, dafür gibt es Grillspieße und der Chef, ja, der Chef ist nicht mehr, aber sein Nachfolger sei seines Nachfolgers würdig, sagt er zumindest von sich selbst.
Es ist nur ein kleiner Lichtblick an diesem tristen Tag der Trauer. Und somit ist für Martin und mich auch im stillen Einverständnis die Entscheidung gefallen, dass es uns wohl nicht zurückziehen wird auf den neuen Campus, sollte dort eine Wohnung für uns freiwerden. Denn jedes Mal, wenn wir durch das Tor wandern und unser Blick versehentlich nach rechts schweift, wird dieser Klumpen in den Hals zurückkehren, die Tränen in die Augen schießen und die Verzweiflung über dieses abscheuliche Verbrechen der Menschheit gegenüber wieder aufkommen.
Ich befürchte, ich würde es nicht aushalten.
Comments
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Torben  - oh weh     |194.138.203.xxx |2011-03-09 04:21:54
mein erstes tausendjaehriges ei hab ich einst dort gegessen ....
Mirko  - Gegessen?     |221.11.46.xxx |2011-03-10 03:31:12
Gegessen oder ausgespuckt?!
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