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China #2.11 Meine letzte Fahrt?

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China #2.11 Meine letzte Fahrt?

Wednesday, 01 September 2010 07:48 | Last Updated (Tuesday, 30 November 1999 00:00)

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Sehr geehrte Leserschaft,
man wünsche mir Glück, denn sonst überlebe ich die nächsten Stunden vielleicht nicht. Grund zur Panikmache: Ich befinde mich in einem sogenannten Private Taxi. Das ist ein großer weißer Lieferwagen, in dem die Sitze und Spiegel noch eingeschweißt sind und somit blutabweisend sind. Zudem verfügt die Ladefläche rein theoretisch über genügend Platz für ein paar Leichen. Zu den Gründen, warum ich in diesem Private Taxi sitze, komme ich später.
Samstag bin ich trotz dem harten Geschäftsleben mit dem ausklingenden Abend fit. Nach etwas Thesis fühle ich mich fit für einen Gang vor die Tür und lande zufällig nach viel Fußmarsch in meinem bereits am zweiten Tag angestrebten Fälschermarkt wieder. Es steht nicht viel auf der Liste; ein gelenkiges Kamera-Stativ bekomme ich zu einem Fünftel des zunächst gewollten Preises, iPod-Kopfhörer mit Mikrofon, originale Kopie, gibt es mit drei Euro auch für einen Bruchteil des verlangten Preises. Und da ich sehe, dass man bei ein paar Shorts die Markennamen einfach entfernen kann, gönne ich mir auch sie. Gibt zumindest keinen Stress am Zoll und für einige Waschgänge sind sie gut.
+++ Ich unterbreche kurz: die Mitfahrerin ganz links im Private Taxi bricht gerade aus dem Fenster heraus. Es riecht nach Hundefutter. Die Scheibe ist voll mit vorherigem Mageninhalt. Ihre halbherzigen Versuche, mit einem benutzten Taschentuch die Außenscheibe wieder zu säubern, missraten kläglich. Zum Glück sind die Polster noch eingeschweißt. +++
Auf dem Rückweg durch die Stadt werde ich unverhofft von einigen Damen angemacht. Und zwar nicht nur von einigen in der Gruppe, sondern von einzelnen. Ein „Hello“ rufen sie mir jeweils zu. Und da drei von ihnen auch recht gut anzuschauen sind, erwidere ich es. Wir kommen ins Gespräch. Ganz einfach. Wo ich herkomme, was ich hier mache, warum ich Chinesisch spreche und wo es hingeht. Es kotzt mich mittlerweile an, meine Geschichte zu erzählen, also erfinde ich immer irgendwas. Meistens ist meine Mama Chinesin (Mama muss jetzt aber nicht böse auf mich sein, bitte). Und ich gehe offiziell auch zum Hotel zurück. Schade, gerne hätte man mit mir einem Kaffee getrunken, wird mir unter treuem Hundeblick verklickert. „Nö. Kaffee mag ich nicht, Tschüss!“ sag ich. Schon lange hab ich keinen Korb mehr verteilt. Und heute gleich drei am Stück. Ich fühle mich toll und gleichzeitig schlecht.
+++ Kotze ist an der Scheibe getrocknet. Dauernd brüllt der Freund der Brecherin, der Fahrer möge bitte nicht so schnell fahren. Manchmal brüllt er auch die Freundin an, was sie denn jetzt wolle und wie es ihr geht. Nerviger Banause, wenn sie kotzt, ist sie doch artig und ruhig und Entertainment ist es auch neben der Schnulzen-CD, die der Fahrer auflegt. +++
Abends lande ich mit Mini im Angelinas. Das ist mal ein Club. Irgendwo im Nobelviertel siebter Stock. Man sitzt auf Renaissance-Flair-Sofas, die Lichtanlage ist in Kronleuchter verpackt. Ist wieder so ne Freundes-Freunde-Freunde-Party, in der Feier-Menschen aus Shanghai über Beziehungen sich im Internet zur gemeinsamen Party verabreden. Als Mann muss man natürlich blechen, die Emanzipation ist noch nicht so weit fortgeschritten. Für mich als Exil-Schwabe ist die heutige Summe schon sehr grenzwertig, weiß nicht, wie Chinesen in meinem Alter das scheinbar oft stemmen können. Aber es lohnt sich, Getränke gehen nicht aus, Stimmung ist da, Shows werden geboten und das beste ist das Klo: Die Kabinen befinden sich hinter Spiegeltüren, die man kaum wahrnimmt und am Ende des Ganges geht’s in den Pissoir-Raum. Dieser ist ebenfalls mit Spiegeln ausgestattet, so dass jeder jeden sehen kann. Männer wissen, wie schwer es dann manchmal fällt, das kleine Geschäft zu erledigen, wenn man sich beobachtet fühlt. Es dauert aber noch viel länger, wenn kurz nach Öffnung des Hosenstalls ein Herr kommt, um dich zu massieren. Es dauert eine Weile, bis ich kann und dann kann ich sehr lange, da ich ja eine Männer-Pferde-Blase besitze. Die Massage ist sehr gut. Am Waschbecken angekommen stammelt eben gekonnter Masseur dann aber unterwürfig was von „Danke! Danke!“ und zeigt auf das Tablett. Auf diesem sind eine 100 und eine 50 RMB-Banknote aufgeklebt. Die zwei höchsten Banknoten in China. Ein Zeichen dafür, dass der Klomann sich mit keinem kleineren Trinkgeld zufrieden gibt.
+++ Der Typ neben mir schreit schon wieder. Ob wir nicht langsamer über das Schlagloch sausen könnten, das auch meinen PC in die Luft katapultierte. Konnten wir gerade nicht. Wir mussten nämlich dem plötzlich wendenden Tuk-Tuk-Fahrer genauso ausweichen, wie dem suizidgefährdeten Hundewelpen. Ich hoffe, diese Aktion treibt den Magen seiner Freundin nochmals zu Höchstleistungen an. Ich lebe noch. +++
Ich vertröste ihn mit den Worten, dass meine Freunde mein Geld gerade schon anderweitig investiert haben, aber ich komme wieder, verspreche ich. Ich komme nicht wieder. Meine Notdurft wird jetzt gefälligst in der Einzelkabine hinter verspiegelten Türen stattfinden. Im Angelinas bleiben wir noch recht lange, auch, weil es zu jedem neu gelieferten Getränk Hüte als Geschenk gibt. Und ich liebe Hüte.
Sonntag wird verpennt. Nach Thesis geht’s in die Nanjing East Road. Wie die letzten Tage auch schon. Aus Langeweile und weil man hier viel Spaß haben kann. „WatchBagDivi….“rufen die einen mir zu, „diShoesLakoschtiPhoneCrackMartihuanaHaschLadymassageLadysex…“ führe ich fort und man ist von mir begeistert. Dennoch ignoriere ich die Herren fortan, wenn ich nicht sage, dass ich letztes bereits gerade hatte. Auf einmal ertönt eine liebliche Stimme mit den gleichen Worten und aus den Augenwinkeln entdecke ich die wohlgeformte Schönheit. Sie ist die erste, bei der ich einwillige, zumindest zu gucken.
+++ Chinas neue Straßen sind nicht alle von Profis gebaut. Gerade haben wir auf hundert Metern acht Gullideckel mitgenommen. Wär in Deutschland nicht das Problem, aber hier sind sie erhaben. Ca. 10 cm über Normalstraße. Gibt Mordsgeruckel. Brecherin ist gerade irgendwo ausgestiegen, ihr nervtötender Freund ebenso. Mit einem weinenden und einem lächelnden Auge veranlasse ich, weiterzufahren. +++
Nur gucken, nicht kaufen. Auch sie scheint von meinem Antlitz und meiner Statur angetan zu sein, denn ihr ist es scheinbar egal. Nun geht es mit ihr in Seitenstraßen der Nanjing Road, Shanghais großer Einkaufsstraße und hinter scheinbar kleinen Läden befinden sich mit dem richtigen Klopfzeichen richtige Designerkessel. Ich kaufe nichts, obwohl das iPhone mittlerweile Fortschritte macht und nicht mehr mit analoger Antenne zum Ausfahren verkauft wird. Nachdem sie mir WatchBagDVDsShoesLakoschtiPhone und so weiter gezeigt hat, hoffe ich, dass sie die Drogen überspringt und zur Ladymassage kommt. Ist mir nämlich glatt entfallen, dass ich hier noch gar keine Massage hatte, bis auf die aufm Kopf beim Frisör. Und die gestrige aufm Klo. Es kommt aber nicht mehr dazu. Stattdessen bekomm ich ihre Karte und soll mich melden, wenn ich was brauche. Ich verspreche es ihr.
Im Hostel will ich früh schlafen. Morgen geht die Arbeiterwelt wieder los. Um sieben Uhr in der Früh ist Abfahrt nach Changzhou. Leider ab dem anderen Ende der Stadt. Mein Wecker ist auf halb sechs gestellt. Um halb zwei des Nachts liege ich dann auch endlich. Den Blick auf die Uhr gerichtet. Aber die Zeit zum Schlafen wird nicht länger. Ich frage mich, ob jeder normale Mensch noch fröhlich leben kann, wenn er fünfmal die Woche so früh raus müsste. Ich verdrücke Tränen. Vier Stunden Schlaf. Nur. So viel braucht mindestens mein dicker Hintern, um sich von den Strapazen des Tages zu erholen und neue Energie zu schöpfen.
Dennoch packe ich es. Es dauert zwar etwas, zu einer Zeit, in der es in Deutschland noch vor Mitternacht ist, sich auf den neuen Tag vorzubereiten und die Sachen zu packen, dennoch komm ich nur zwei Minuten zu spät, was natürlich an der Bahn liegt. Der Tag im Büro verläuft gut, bis uns um halb vier der Strom genommen wird. Feierabend. Und das bedeutet Bierchen. Und vielleicht noch eins. Und weil es ja so früh ist, könnte ich dann noch nach Shanghai zurückfahren, ist ja noch früh.
+++ Wir halten in der Pampa, um noch eine mitzunehmen. Der Fahrer wird zur Sau gemacht, weil er die Brecherin für zu wenig Geld rausgelassen hat. Wird jetzt gestreikt? +++
Ich lasse mir in der Bar ein Taxi zum Bahnhof rufen. Vorbei kommt ein Freund der Kellnerin. Ich willige widerwillig ein (kann man das?). Angekommen wird mir zunächst gesagt, es gäbe keine Bahnen mehr. Kann nicht sein. Sowohl Kellnerin als auch Freund sagen mir, es würden halbstündig Bahnen fahren. Die Frau am Ticketschalter ist auch müde und nicht gewillt, mir mehr Auskunft zu geben, bis mich ein Passant darauf hinweist, dass ich auch zum Nordterminal gehen könnte. Da stehe ich Schlange und dann heißt es, um zwei Uhr fünfzehn sei noch was frei. Noch viereinhalb Stunden. Ich will warten, mir ein Bier gönnen, da werde ich angesprochen, ob ich nicht mit nach Shanghai wolle. Na gut. Für den kleinen Aufpreis könnte ich mir jetzt genügend Bier für die Wartezeit auf den Zug gönnen, um mich volllaufen zu lassen. Ich willige ein. Nun sitze ich hier. Hinten rechts in der Reihe. Neben mir mittlerweile zwei neue Deerns. Sie werden wohl nicht mehr brechen. Aber wer weiß…
Trinken ist auf dieser Fahrt ein Abenteuer. Ich setze gerade zum Schlucken an, als es durch ein Schlagloch geht. Runter rauf zack zack. Der ganze Schluck landet in der Luftröhre. Schmerzt sehr. Ich breche fast.
Nach einer Stunde Schlaf wache ich dann mal auf. Noch immer 48 km. Will der mich verarschen? Als ich die Augen zugemacht hab, waren es doch nur noch 120 km. Dann kurz Seitenstraße. Anhalten. Aussteigen, lautet die Devise für mich und die anderen zwei Männer. Und einmal bitte die Straße zu Fuß lang laufen, wir würden am anderen Ende wieder eingesammelt werden. Weiß nicht, was überwiegt. Die Freude, mal endlich von der Stretchfolie der Sitze wegzukommen und den Schweiß ums Gesäß kühlen zu lassen oder die Angst, mitten in einem unbekannten Dorf ausgesetzt zu werden?
Am Ende der Straße ist Polizeikontrolle. Hätte ich jetzt auch keinen Bock drauf. War also gut, dass wir rausgelassen wurden. Zwanzig Meter hinter der Kontrolle steigen wir wieder zu. Der Motor startet erst beim fünften Mal anlassen. Lieber nochmal Öl nachfüllen und für 20 Yuan tanken. Dann geht’s weiter.
Geht dieser Post online, ist es ein Zeichen meiner Lebendigkeit. Mama, die du keine Chinesin bist, du musst dich nicht mehr sorgen!
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