Willkommen auf der Startseite

Attention: open in a new window. PDFPrintE-mail

China #2.11 Meine letzte Fahrt?

Wednesday, 01 September 2010 07:48 | Last Updated (Tuesday, 30 November 1999 00:00) | Written by Mirko

There are no translations available.

Sehr geehrte Leserschaft,
man wünsche mir Glück, denn sonst überlebe ich die nächsten Stunden vielleicht nicht. Grund zur Panikmache: Ich befinde mich in einem sogenannten Private Taxi. Das ist ein großer weißer Lieferwagen, in dem die Sitze und Spiegel noch eingeschweißt sind und somit blutabweisend sind. Zudem verfügt die Ladefläche rein theoretisch über genügend Platz für ein paar Leichen. Zu den Gründen, warum ich in diesem Private Taxi sitze, komme ich später.
Samstag bin ich trotz dem harten Geschäftsleben mit dem ausklingenden Abend fit. Nach etwas Thesis fühle ich mich fit für einen Gang vor die Tür und lande zufällig nach viel Fußmarsch in meinem bereits am zweiten Tag angestrebten Fälschermarkt wieder. Es steht nicht viel auf der Liste; ein gelenkiges Kamera-Stativ bekomme ich zu einem Fünftel des zunächst gewollten Preises, iPod-Kopfhörer mit Mikrofon, originale Kopie, gibt es mit drei Euro auch für einen Bruchteil des verlangten Preises. Und da ich sehe, dass man bei ein paar Shorts die Markennamen einfach entfernen kann, gönne ich mir auch sie. Gibt zumindest keinen Stress am Zoll und für einige Waschgänge sind sie gut.
+++ Ich unterbreche kurz: die Mitfahrerin ganz links im Private Taxi bricht gerade aus dem Fenster heraus. Es riecht nach Hundefutter. Die Scheibe ist voll mit vorherigem Mageninhalt. Ihre halbherzigen Versuche, mit einem benutzten Taschentuch die Außenscheibe wieder zu säubern, missraten kläglich. Zum Glück sind die Polster noch eingeschweißt. +++
Auf dem Rückweg durch die Stadt werde ich unverhofft von einigen Damen angemacht. Und zwar nicht nur von einigen in der Gruppe, sondern von einzelnen. Ein „Hello“ rufen sie mir jeweils zu. Und da drei von ihnen auch recht gut anzuschauen sind, erwidere ich es. Wir kommen ins Gespräch. Ganz einfach. Wo ich herkomme, was ich hier mache, warum ich Chinesisch spreche und wo es hingeht. Es kotzt mich mittlerweile an, meine Geschichte zu erzählen, also erfinde ich immer irgendwas. Meistens ist meine Mama Chinesin (Mama muss jetzt aber nicht böse auf mich sein, bitte). Und ich gehe offiziell auch zum Hotel zurück. Schade, gerne hätte man mit mir einem Kaffee getrunken, wird mir unter treuem Hundeblick verklickert. „Nö. Kaffee mag ich nicht, Tschüss!“ sag ich. Schon lange hab ich keinen Korb mehr verteilt. Und heute gleich drei am Stück. Ich fühle mich toll und gleichzeitig schlecht.
+++ Kotze ist an der Scheibe getrocknet. Dauernd brüllt der Freund der Brecherin, der Fahrer möge bitte nicht so schnell fahren. Manchmal brüllt er auch die Freundin an, was sie denn jetzt wolle und wie es ihr geht. Nerviger Banause, wenn sie kotzt, ist sie doch artig und ruhig und Entertainment ist es auch neben der Schnulzen-CD, die der Fahrer auflegt. +++
Abends lande ich mit Mini im Angelinas. Das ist mal ein Club. Irgendwo im Nobelviertel siebter Stock. Man sitzt auf Renaissance-Flair-Sofas, die Lichtanlage ist in Kronleuchter verpackt. Ist wieder so ne Freundes-Freunde-Freunde-Party, in der Feier-Menschen aus Shanghai über Beziehungen sich im Internet zur gemeinsamen Party verabreden. Als Mann muss man natürlich blechen, die Emanzipation ist noch nicht so weit fortgeschritten. Für mich als Exil-Schwabe ist die heutige Summe schon sehr grenzwertig, weiß nicht, wie Chinesen in meinem Alter das scheinbar oft stemmen können. Aber es lohnt sich, Getränke gehen nicht aus, Stimmung ist da, Shows werden geboten und das beste ist das Klo: Die Kabinen befinden sich hinter Spiegeltüren, die man kaum wahrnimmt und am Ende des Ganges geht’s in den Pissoir-Raum. Dieser ist ebenfalls mit Spiegeln ausgestattet, so dass jeder jeden sehen kann. Männer wissen, wie schwer es dann manchmal fällt, das kleine Geschäft zu erledigen, wenn man sich beobachtet fühlt. Es dauert aber noch viel länger, wenn kurz nach Öffnung des Hosenstalls ein Herr kommt, um dich zu massieren. Es dauert eine Weile, bis ich kann und dann kann ich sehr lange, da ich ja eine Männer-Pferde-Blase besitze. Die Massage ist sehr gut. Am Waschbecken angekommen stammelt eben gekonnter Masseur dann aber unterwürfig was von „Danke! Danke!“ und zeigt auf das Tablett. Auf diesem sind eine 100 und eine 50 RMB-Banknote aufgeklebt. Die zwei höchsten Banknoten in China. Ein Zeichen dafür, dass der Klomann sich mit keinem kleineren Trinkgeld zufrieden gibt.
+++ Der Typ neben mir schreit schon wieder. Ob wir nicht langsamer über das Schlagloch sausen könnten, das auch meinen PC in die Luft katapultierte. Konnten wir gerade nicht. Wir mussten nämlich dem plötzlich wendenden Tuk-Tuk-Fahrer genauso ausweichen, wie dem suizidgefährdeten Hundewelpen. Ich hoffe, diese Aktion treibt den Magen seiner Freundin nochmals zu Höchstleistungen an. Ich lebe noch. +++
Ich vertröste ihn mit den Worten, dass meine Freunde mein Geld gerade schon anderweitig investiert haben, aber ich komme wieder, verspreche ich. Ich komme nicht wieder. Meine Notdurft wird jetzt gefälligst in der Einzelkabine hinter verspiegelten Türen stattfinden. Im Angelinas bleiben wir noch recht lange, auch, weil es zu jedem neu gelieferten Getränk Hüte als Geschenk gibt. Und ich liebe Hüte.
Sonntag wird verpennt. Nach Thesis geht’s in die Nanjing East Road. Wie die letzten Tage auch schon. Aus Langeweile und weil man hier viel Spaß haben kann. „WatchBagDivi….“rufen die einen mir zu, „diShoesLakoschtiPhoneCrackMartihuanaHaschLadymassageLadysex…“ führe ich fort und man ist von mir begeistert. Dennoch ignoriere ich die Herren fortan, wenn ich nicht sage, dass ich letztes bereits gerade hatte. Auf einmal ertönt eine liebliche Stimme mit den gleichen Worten und aus den Augenwinkeln entdecke ich die wohlgeformte Schönheit. Sie ist die erste, bei der ich einwillige, zumindest zu gucken.
+++ Chinas neue Straßen sind nicht alle von Profis gebaut. Gerade haben wir auf hundert Metern acht Gullideckel mitgenommen. Wär in Deutschland nicht das Problem, aber hier sind sie erhaben. Ca. 10 cm über Normalstraße. Gibt Mordsgeruckel. Brecherin ist gerade irgendwo ausgestiegen, ihr nervtötender Freund ebenso. Mit einem weinenden und einem lächelnden Auge veranlasse ich, weiterzufahren. +++
Nur gucken, nicht kaufen. Auch sie scheint von meinem Antlitz und meiner Statur angetan zu sein, denn ihr ist es scheinbar egal. Nun geht es mit ihr in Seitenstraßen der Nanjing Road, Shanghais großer Einkaufsstraße und hinter scheinbar kleinen Läden befinden sich mit dem richtigen Klopfzeichen richtige Designerkessel. Ich kaufe nichts, obwohl das iPhone mittlerweile Fortschritte macht und nicht mehr mit analoger Antenne zum Ausfahren verkauft wird. Nachdem sie mir WatchBagDVDsShoesLakoschtiPhone und so weiter gezeigt hat, hoffe ich, dass sie die Drogen überspringt und zur Ladymassage kommt. Ist mir nämlich glatt entfallen, dass ich hier noch gar keine Massage hatte, bis auf die aufm Kopf beim Frisör. Und die gestrige aufm Klo. Es kommt aber nicht mehr dazu. Stattdessen bekomm ich ihre Karte und soll mich melden, wenn ich was brauche. Ich verspreche es ihr.
Im Hostel will ich früh schlafen. Morgen geht die Arbeiterwelt wieder los. Um sieben Uhr in der Früh ist Abfahrt nach Changzhou. Leider ab dem anderen Ende der Stadt. Mein Wecker ist auf halb sechs gestellt. Um halb zwei des Nachts liege ich dann auch endlich. Den Blick auf die Uhr gerichtet. Aber die Zeit zum Schlafen wird nicht länger. Ich frage mich, ob jeder normale Mensch noch fröhlich leben kann, wenn er fünfmal die Woche so früh raus müsste. Ich verdrücke Tränen. Vier Stunden Schlaf. Nur. So viel braucht mindestens mein dicker Hintern, um sich von den Strapazen des Tages zu erholen und neue Energie zu schöpfen.
Dennoch packe ich es. Es dauert zwar etwas, zu einer Zeit, in der es in Deutschland noch vor Mitternacht ist, sich auf den neuen Tag vorzubereiten und die Sachen zu packen, dennoch komm ich nur zwei Minuten zu spät, was natürlich an der Bahn liegt. Der Tag im Büro verläuft gut, bis uns um halb vier der Strom genommen wird. Feierabend. Und das bedeutet Bierchen. Und vielleicht noch eins. Und weil es ja so früh ist, könnte ich dann noch nach Shanghai zurückfahren, ist ja noch früh.
+++ Wir halten in der Pampa, um noch eine mitzunehmen. Der Fahrer wird zur Sau gemacht, weil er die Brecherin für zu wenig Geld rausgelassen hat. Wird jetzt gestreikt? +++
Ich lasse mir in der Bar ein Taxi zum Bahnhof rufen. Vorbei kommt ein Freund der Kellnerin. Ich willige widerwillig ein (kann man das?). Angekommen wird mir zunächst gesagt, es gäbe keine Bahnen mehr. Kann nicht sein. Sowohl Kellnerin als auch Freund sagen mir, es würden halbstündig Bahnen fahren. Die Frau am Ticketschalter ist auch müde und nicht gewillt, mir mehr Auskunft zu geben, bis mich ein Passant darauf hinweist, dass ich auch zum Nordterminal gehen könnte. Da stehe ich Schlange und dann heißt es, um zwei Uhr fünfzehn sei noch was frei. Noch viereinhalb Stunden. Ich will warten, mir ein Bier gönnen, da werde ich angesprochen, ob ich nicht mit nach Shanghai wolle. Na gut. Für den kleinen Aufpreis könnte ich mir jetzt genügend Bier für die Wartezeit auf den Zug gönnen, um mich volllaufen zu lassen. Ich willige ein. Nun sitze ich hier. Hinten rechts in der Reihe. Neben mir mittlerweile zwei neue Deerns. Sie werden wohl nicht mehr brechen. Aber wer weiß…
Trinken ist auf dieser Fahrt ein Abenteuer. Ich setze gerade zum Schlucken an, als es durch ein Schlagloch geht. Runter rauf zack zack. Der ganze Schluck landet in der Luftröhre. Schmerzt sehr. Ich breche fast.
Nach einer Stunde Schlaf wache ich dann mal auf. Noch immer 48 km. Will der mich verarschen? Als ich die Augen zugemacht hab, waren es doch nur noch 120 km. Dann kurz Seitenstraße. Anhalten. Aussteigen, lautet die Devise für mich und die anderen zwei Männer. Und einmal bitte die Straße zu Fuß lang laufen, wir würden am anderen Ende wieder eingesammelt werden. Weiß nicht, was überwiegt. Die Freude, mal endlich von der Stretchfolie der Sitze wegzukommen und den Schweiß ums Gesäß kühlen zu lassen oder die Angst, mitten in einem unbekannten Dorf ausgesetzt zu werden?
Am Ende der Straße ist Polizeikontrolle. Hätte ich jetzt auch keinen Bock drauf. War also gut, dass wir rausgelassen wurden. Zwanzig Meter hinter der Kontrolle steigen wir wieder zu. Der Motor startet erst beim fünften Mal anlassen. Lieber nochmal Öl nachfüllen und für 20 Yuan tanken. Dann geht’s weiter.
Geht dieser Post online, ist es ein Zeichen meiner Lebendigkeit. Mama, die du keine Chinesin bist, du musst dich nicht mehr sorgen!
 

Attention: open in a new window. PDFPrintE-mail

China #2.10 Von J, Spaniern, einer Klugscheißerin und anderen Wesen.

Sunday, 29 August 2010 20:33 | Last Updated (Tuesday, 30 November 1999 00:00) | Written by Mirko

There are no translations available.

Nach meinen Magenproblemen bis Sonntag hatte ich genau zwei Tage nichts. In der Zeit widmete ich mich dann intensiv meiner Thesis, muss ja Zeit aufholen. Mittwoch dann erwache ich schon mit so einem leichten Kratzen im Hals. Ist ja normal, im Sommer. Dennoch traf ich mich abends mit J, oder auch Jisol, wie ich erfuhr, der Koreanerin, die das letzte halbe Jahr mit uns in China an der Uni gelebt hatte. Machte hier Praktikum und so. Bisschen essen, bisschen trinken, dann noch Club mit weiteren koreanischen Freunden, schöner Abend, aber ich musste früher los, für Donnerstag stand ne Reise nach Hangzhou zu einer Firma auf dem Programm.
Wurde nix draus. Ich erwache zwar pünktlich, aber absolut nicht frisch. Das Kratzen hat sich in Halsschmerzen gewandelt, dazu ist die Nase dicht. Kommt davon, wenn die Mitbewohner die Klimaanlage auf 16 Grad runterdrehen und ich zu faul bin, die Fernbedienung zu suchen und mich lieber mit kalten Füßen abgebe. Dennoch ging’s vorerst in Schale geschmissen runter zur Rezeption, ich wollte für die letzten beiden Tage bezahlen. Geld wurde auch angenommen, allerdings forderte man zudem mein Handtuch, das als Decke gilt und meine Schlüssel ein. Ich wollte schließlich heute auschecken. Wollte ich aber nicht. Zwar war die erste Reservierung bis heute begrenzt, da man im Internet nur 10 Tage buchen kann, aber ich hatte extra zweimal nachgefragt, wie es ist, wenn ich länger bleiben will. Da hieß es stets, einfach bleiben, es sei registriert. Nun war der Salat groß. Dann müsste ich bitte warten, man würde es irgendwie regeln, wenn ich aber viel zu packen hätte, sollte ich das tun, bitte. Hab ich nicht gemacht. Hab mich lieber in die Lobby gesetzt und das Internet durchforstet und versucht, meinen Schnupfen wegzutrinken.
Es dauerte knapp zwei Stunden, bis man mir sagte, dass ich wohl bleiben könnte. Das war mir auch vorher klar, eigentlich. Dann rief ich in der Firma in Hangzhou an. Schließlich würde es knapp drei weitere Stunden dauern, bis ich da wär. Würde sich nicht lohnen, wurde mir gesagt. Sollte lieber nächste Woche für zwei Tage kommen.
Stattdessen war ich dann bei Minie, hab ein Bad genommen, soll bei Erkältungen ja helfen. Und abends traf ich die beste Entscheidung, seit ich hier bin: Ich legte mich früh, genau gesagt um neun Uhr abends ins Bettchen.
Freitag stand ich wieder früh auf. Es sollte nach Changzhou gehen, nur ne halbe Stunde von hier mit Zug entfernt. Gehe wieder im feinsten Zwirn nach unten und checkte zum Glück nochmals meine Mails. Treffen wird leider nichts. Chef hatte Unfall. Heute viel Polizei-Kram zu erledigen und so. Stand da. Na super, abemals ein Tag ohne neue Informationen für die Thesis, dachte ich. Ich blieb noch etwas. Hatte keinen Bock, mich wieder umzuziehen. Da kam dann ne neue Mail rein: Vielen Dank für Ihre Anfrage, würde natürlich gerne mit Ihnen über das Thema fachsimpeln. Sagen Sie mir, wann Sie Zeit haben und ich hole Sie ab. Stand da. Ich antwortete: Jetzt. Kein Problem, aber so kurzfristig sollte ich vielleicht doch ein Taxi nehmen. Kurz auf die Karte geguckt. Bin ich denn bekloppt? So weit? Das würde mich doch ein Vermögen kosten! Ich fuhr mit der U-Bahn. Von da wurde ich dann aber abgeholt.
Die Firma ist ein Druckmaschinenhersteller für Kleidungsetiketten. Stellt auch Maschinen her, die bequem in jede größere Handtasche passen und somit ideal für den Fälschermarkt sind. Die Druckqualität ist eingeschränkt, aber man erwartet ja auch nicht viel bei Kleidungsetiketten. Demnach läuft die Firma wohl sehr gut, exportiert viele Maschinen.
Ich sah trotzdem schnell ein, dass ich hier eigentlich nicht so viel lernen würde, hab trotzdem das Beste draus gemacht. Saß mit fünf Damen und Herren am Tisch bei 15 Grad, Klimaanlagenwindstärke 12 oder so und sprach über den Markt, die Probleme, von denen ich dachte, es gäbe sie nicht mehr und trank feinsten Tee und Import-Instant-Kaffee aus Vietnam. Gesprächsthemen gab es viele und beim kurzen Blick auf die Uhr viel uns auf: So, Feierabend. Bierchen? Jo. Und Essen. Ich liebe chinesische Geschäftsessen. Wenn ich mal groß bin, will ich das so oft wie möglich machen. Da wird ein Tisch aufgefahren, sondergleichen. Dazu darf man sich als Gast vorher den Tintenfisch aussuchen, der anschließend tot und kleingehackt wird, dazu gibt es Bier und die Kellnerinnen werden angemacht und ausgefragt, wie sie mich, den Ausländer denn wohl fänden. Also durchaus amüsant und lecker.
Anschließend werden wir im Luxusschlitten, also dem einer einheimischen Marke, in die Stadt gefahren. Chef hatte an derselben Uni Abschluss gemacht, an der wir letztes Jahr waren. So was verbindet. Er war durchaus gewillt, noch den einen oder anderen Humpen Bier mit mir zu heben. Aber da es zu früh war, ging’s erst mal zu ihm heim. An der Tür erwartete mich schon eine Tafel mit der Aufschrift „Herzlich Willkommen in meinem Heim!“. Die zehnjährige Tochter hat das mal schnell im Google Translater nachgeschaut und abgeschrieben. Das mag nach keiner großen Leistung klingen, ist es aber, wenn man bedenkt, dass man in China nicht mal englische Wörter richtig abschreiben kann, da man ‚i‘ und ‚l‘ nicht auseinander halten kann.
Aber die Tochter ist wohl ein sehr begabtes Kind. Oder sagen wir mal, ein erzogenes, gedrilltes Kind. Ihr Englisch ist absolut akzent- und fehlerfrei und das bei recht anspruchsvollen Gesprächsthemen. Seit sie fünf ist würde sie Englisch lernen. Selbst für fünf Jahre ist das verdammt gut, der Vater erzählt mir aber, dass sie doch erst mit sieben angefangen hätte. Umso beeindruckender. Sie hätte auch nur drei Tage Ferien. Im Jahr. Und jetzt jede Woche einen Englisch-Test. Zwischendurch stopfte sie mich immer mit Essen voll. Dann setzte sie sich ans Klavier und spielte irgendwas. Ich bin jetzt kein Musikkenner, aber ich würde sagen, der junge Beethoven hätte sich da bestimmt ne Scheibe abschneiden können.
Nun, erst als sie mir dann irgendeine total wirre Konstruktion aus Stühlen und Bällen zeigte, auf die sie sehr stolz war und was ein Auto darstellen sollte, war ich beruhigt, dass sie doch nur ein zehnjähriges Kind ist. Ein Kind ohne große Kindheit. Fiel ihr auch auf. Sie müsse jetzt kurz konzentriert mit ihren Puppen spielen, sagte sie mir, denn sie hätte ja nicht viel Zeit dafür. Armes, kluges Mädchen.
Dann ging’s durch die Bars. Chef und ich. Und ich hatte gar keine Wahl. Ich musste mich dem Gesetz fügen. Dem ungeschriebenen Gesetz, das da besagt, wenn Arbeiter auf Student trifft, zahlt stets der Geldverdienende. Und natürlich sollte ich trinken, was will. Aber mir reicht ja Bier. Nur Bier. Aber das kostet in Shanghai jetzt auch mal schnell seine 65 Yuan. Dass Chef die hat, machte er mir klar, als er sein Glas nach drei Schlucken fast voll zurückließ, weil ich etwas schneller mit trinken war und er in einen anderen Laden gehen wollte.
Um halb vier kam ich dann wieder im Hostel an. Allerdings ohne meine Magnetkarte, die als Schlüssel dient. Verloren oder geklaut. War mir egal. Mir wurde auch so das Zimmer geöffnet. Da schliefen schon alle Spanier. Alle halb nackt und ob der Hitze stöhnend. Bei geöffneten Fenstern und ausgeschalteter Klimaanlage kein Wunder. Dazu stank es nicht gerade angenehm. Den Grund dafür fand ich in einem Flies-Handtuch, das wohl irgendeiner der Kumpanen mal verschwitzt und nass in seinem Gepäck hinterlassen haben musste und nun die irrwitzige Idee hatte, es auszulüften, was aber überhaupt nichts brachte, da der Geruch eher Zellteilung beging, anstatt abzuziehen. Die Fernbedienung für die Klimaanlage fand ich auch nicht mehr. Hat bestimmt einer drauf gepennt.
Na herrlich. So ein heißer, stickiger Raum ist natürlich genau das richtige für einen Biergetränkten Körper. Ich gratulierte mir noch kurz zu dieser Selbstzerstörung und schlief ein.
Jetzt sitze ich hier auf dem Bett und weiß mit mir nicht mehr viel anzufangen. Die Spanier sind ausgezogen und haben zum Glück das Handtuch mitgenommen und die Fernbedienung für die Klima zurück auf den Tisch gelegt. Davor haben sie aber so lange zum Packen gebraucht, als würden sie ihren Hausrat auflösen. Und gelabert haben sie dabei ohne Unterlass. Und das mit ihren quakenden Spanierstimmen.
Naja, immerhin habe ich über die Nacht meine Erkältung fast gänzlich ausgeschwitzt.

Attention: open in a new window. PDFPrintE-mail

Ich packs dann auch mal...

Monday, 23 August 2010 15:54 | Last Updated (Tuesday, 30 November 1999 00:00) | Written by Philipp

There are no translations available.

So endlich wäre das auch erledigt, meine Bachelorthesis liegt der Hochschule zur Begutachtung vor...

Die Sekretärin konnte heute morgen ihr Glück kaum fassen als ich ihr auf die Frage nach dem Fristende fröhlich den 30.9 nennen durfte.

"Wie Sie geben mehr als 24h vor Fristende ab, da sind sie aber der erste..." dürfte Sie sich wohl gedacht haben.

Den nächste großen Schrittstellt die Exmatrikulation dar, weil wenn man nicht geht kriegt man auch kein Zeugnis zum Abschiedsgeschenk...

Ich hoffe das Formular hierfür wertet die Gründe nicht nach Häufigkeit denn diese sind wie folgt geordnet:

1.) Beendigung ohne Prüfung

2.) Hochschulwechsel

3.) Einberufung zum Wehrdienst

4.) Aufgabe des Studiums

5.) man will es kaum glauben - reguläres Studienende!!!

Ich nehm die Nummer 5 sodenn, bis dann.

Attention: open in a new window. PDFPrintE-mail

Mirko #2.9

Monday, 23 August 2010 15:52 | Last Updated (Tuesday, 30 November 1999 00:00) | Written by Mirko

There are no translations available.

China #2.9 Hostel Nights.

Hostels mit Mehrbettzimmern haben einige Vor-, bieten aber auch einige Nachteile.
Zu den Vorteilen zählen mit Sicherheit der Preis, der ganz unten anzusiedeln ist, und die Tatsache, dass immer irgendjemand da ist, der potenziell was mit einem unternimmt, wenn man denn will.
Auf der anderen Seite lernen einen aber auch verdammt viele Leute kennen. Oder wollen das. Und immer und immer wieder muss man seine gleiche Story erzählen: Woher komme ich, was mache ich hier, wie lange bleibe ich und warum kann ich Chinesisch. Kotzt mich langsam an, immer die gleiche Leier runterzurattern, aber ich selber bin ja auch nicht besser. Dennoch werde ich mir beizeiten wohl eine neue Identität zulegen. Eine spannendere. Die ich noch mit Leidenschaft erzähle.
Ein weiterer Nachteil ist, dass man nur selten zur Ruhe findet. So wie gestern. Hier das Protokoll. (Zeiten sind nicht ganz exakt, aber +/- 10 Minuten)

00h30: Ich lege mich hin.

01h00: Da ich nicht müde bin, schlaf ich wohl jetzt erst ein.

01h17: Jemand stupst mich an. Flüstert. Kichert. Frauen. Ob ich noch mit will in nen Club, werde ich gefragt. Mein Zimmergenosse wär auch mit von der Partie. Nein.

01h33: Ich schlafe wieder ein.

02h17: Ein anderer Zimmergenosse kommt von seinen Aktivitäten wieder. Macht das Licht ganz an. Braucht etwas, bis er sein Bett gemacht hat. Ich wache abermals auf.

02h28: Ich schlafe wieder ein.

03h18: Die Damen und mein Zimmergenosse hatten wohl nicht so viel Spaß. Wollen sie jetzt nachholen. Kichernd.

03h27: Ich schlafe wieder ein.

04h45: Der erste Wecker klingelt. Der Chinese, der tagsüber meistens pennt und auf den jeder Rücksicht nimmt, hält selber nichts von solcher Rücksicht. Muss noch seinen Koffer packen, bevor er abhaut. Licht an. Koffer laut polternd aus den Schrank ziehend. Schrank liegt direkt an meinem Bett. Ich nehme alle Vibrationen wahr. Schaukeln mich nicht in den Schlaf.

05h20: Der Chinese ist fertig. Oder nicht? Er kommt noch ein paar mal rein. Türgriffe sind ein Fremdwort. Sie knallt bei jedem Mal. Darüberhinaus ist das Schloss für die Magnetkarte laut und das Piepen schrill.

05h23: Ich schlafe wieder ein.

05h50: Der Franzose muss auch raus. Der Franzose mit der sanften Stimme. Kann mit jedem und redet gerne des Redens wegen. Und wegen seiner Stimme. Zog nämlich durch China, um als Musikstar rauszukommen. Nicht geklappt. Jetzt redet er vorm ersten Hahnenschrei mit einem anderen Kumpanen, der auch raus muss. Wie wohl das Wetter heute in Beijing ist, fragen sie sich. Ist eigentlich egal, denn der eine muss nach Paris und der andere nach Thailand. Innige Verabschiedung der beiden. Natürlich bliebe man im Kontakt. Die Emailadressen hat man ja. Wer's glaubt.

06h20: Der Franzose ist weg. Ich schlafe wieder ein.

07h30: Tonne betritt das Zimmer. Tonne ist neu. Tonnes Hobbies sind Schwitzen und Schnauben. Ich schlage die Augen erst nur halb auf und dann ganz. Ich sehe nicht verschwommen. Tonne dürfte wirklich über 150 kg verfügen, verteilt auf genauso viele Zentimeter an Körpergröße. Ich mache die Augen anschließend noch ein paar mal auf. Aber nur, um mich zu vergewissern, dass er im Stockbett unten schläft. Tonne bemerkt, dass sein Bett noch nicht gemacht ist. Er schmeißt seinen Rucksack in die Ecke, flucht irgendwas in seine Pausbäckchen und macht sich stampfend vom Acker.

07h35: Ich schlafe wieder ein.

08h15: Der Neuseeländer verschwindet auch. Der frühe Wurm fängt den Vogel ganz vorne in der Schlange vorm Expo-Pavillion oder so.

08h25: Ich schlafe wieder ein.

09h05: Die Tanten von der Putzkolonne kommen rein. Hocken zwar den ganzen Tag aufeinander, dennoch geht ihr Gesprächsbedarf nie aus. Zimmerputzen ist Akkordarbeit. Geht schnell, ist aber auch laut.

09h28: Bevor ich ein letztes Mal einschlafe, blicke ich auf die Uhr. Noch zwei Minuten. Dann klingelt auch mein Wecker.

09h30: Ich setze mich ungewollt auf die Hassliste des letzten schlafenden Zimmerkumpanens. Der soll sich mal nicht so anstellen.

_____


Diese Nacht ging meinem ersten "Geschäftstermin" voraus. Zwecks Thesis treffe ich mich hier mit einer Organisation. Und eben die Managerin dieser Organisation treffe ich.
Sie ist zum Glück nur geringfügig älter als ich, hatte gestern eine Party bis vier und wir können uns beide nur zu gut verstehen. Zudem ist sie nicht minder schön als ich. Mein lieber Scholli!

Beeindrucken kann ich sie übrigens nicht nur mit meinem Wissen, sondern auch mit einem Magen, der sich gewaschen hat. Gewaschen mit Waschbeton. Da zuckt nichts mehr. Da kommt auch nichts mehr durch. Ganz fabelhaft. Kabine 3 ist beinahe vergessen.

Sonntag, 22. August 2010

China #2.8 The Bund is open! Und Frisör! Und Kabine 1!

Gestern fühlte ich mich erstmals wieder etwas in der Lage, das Hotel auch tagsüber zu verlassen. Die sengende Sonne konnte meinem Magen nur leicht etwas anhaben, da dieser durch eine gute Pizza gesättigt war und erst mal wieder was zu tun hatte. Das soll aber nicht heißen, dass es ihm besser ging. In Kabine 3 fühlte er sich noch am wohlsten.
Dennoch ging ich vor die Tür um endlich einen Frisör aufzusuchen. War eigentlich mein Ziel für den ersten Tag, aber ich hab's dann immer wieder verschoben. Ich musste lange suchen, denn hier in der Nähe von Bund und Haupteinkaufsstraße sollten die Mieten höher sein, ggf zu hoch für einen Frisör. Aber ich fand ihn. Ein Blick durchs Fenster bereitete mir zunächst einen Schrecken: Fast alle Stühle waren besetzt, aber nur eine Person wurd gerade bedient. Schien ein In-Frisör zu sein mit nur einem Meister. Und den obligatorischen Empfangs- und Kassendamen natürlich. Ich ging auch nur kurz rein um zu fragen, wie viele Stunden ich wohl warten müsste, was auf Unverständnis stieß. Sofort wurde mir ein Platz zugewiesen und irgendwas durch den Lautsprecher ausgerufen. Alle Gäste standen dann auf und erwiesen sich dank einheitlichen Namensschilds als Frisöre. Aus 11 Kunden wurden somit 11 Arbeitnehmer. Aus den In-Frisör einer ohne Beschäftigung. Mir sollte es egal sein.
Endlich wieder Kopf-Massage, Ohrenspühlung, Spa für die Augen und 45 Minuten Zeit für mich und meinen Meister, der mit einer Liebe und Hingabe Millimeter für Millimeter meiner Haare bearbeitete. Nach einer Stunde ging ich um drei Euro leichter wieder auf die Straße.

Abends ging's dann mal zum Bund. Das ist die Uferprommenade mit Blick auf die berühmte Skyline Shanghais. Letztes jahr war's noch eine reine dreckige, lärmende Baustelle, abgegrenzt durch eine enge, dichtbefahrene Straße, nur erreichbar durch eine Unterführung. Und hinter der Unterführung war maximal ein Terrain von 5x5 Metern frei, was natürlich die Massen nicht wussten oder nicht wissen wollten, trotzdem dauernd Postkarten-Verkäufer darauf hinwiesen. Kurz: Der Bund war letztes Jahr noch ein Ort des Grauens.
Nun nicht mehr. Nun ist es da ganz und gar edel. Selbst die Straße davor ist großzügig und glänzt. Und Postkartenverkäufer gibt es auch keine mehr, da ja jeder selber sein Foto schießen kann. Man wird also nicht mehr vollgelabert. Allerdings sind eie Massen noch fast die gleichen, sodass jeder, der ein wenig Gefühl für Fotographie hat, sich hier nicht ablichten würde. Aber das haben die Chinesen größtenteils nicht. Die fotographieren alles. Und ein paar Menschen mehr auf dem Bild, die eigentlich alles wichtige verdecken, machen da auch nichts.

Heute erwache ich mit dem gleichen Druck der letzten Tage. Ich will zu Kabine 3. Ich betrete sie auch, drehe aber schleunigst wieder um. Die hat ja jemand anders benutzt. Und beschmutzt. Pfui! 30 Mal hat sie mich ausgehalten und war stets tadellos und jetzt kommt irgendein Schmutzfink daher und nimmt sie mir. Kabine 1 ist frei. Aber Kabine 1 ist nunmal nicht Kabine 3. Sie ist ganz außen und grenzt rechts an die Außenwand. Dadurch kommt es zu einem Drittel weniger Belüftung was bei den Klos, auf denen eh schon Außentemperatur herrscht, tödlich ist. Es muss also etwas passieren! Ich habe keine Lust mehr auf den Unfug und diese unsichtbaren Fußfesseln.
Der Franzose im Hostel gibt mir dann mal Tabletten. Brecher sind das, denn bis zum Aben bin ich kabinenfrei. Mehr noch: Das erste Mal seit fünf Tagen drück wieder die Blase! Ein unglaublich normales Gefühl.
Morgen kann ich dann höchstwahrscheinlich in ein neues Leben starten.

Attention: open in a new window. PDFPrintE-mail

China #2.3-7

Saturday, 21 August 2010 06:07 | Last Updated (Tuesday, 30 November 1999 00:00) | Written by Mirko

There are no translations available.

Samstag, 21. August 2010

China #2.7 Beton anrühren.

Die erste Packung Tabletten ist irgendwo in den unendlichen Weiten meines Körpers oder letztendlich doch in Kabine 3 verschwunden. Was neues muss her. Was stärkeres. Denn so ist das ja kein Leben. Heute ist der dritte Tag in Folge, an dem ich schwach und matt ans Klo gefesselt bin. Man möge sich mal ausmalen, ich bliebe nur eine oder zwei Wochen und nicht sechs. Das wäre wahrlich Gift.
Den Weg zur Apotheke schaffe ich ohne Zwischenfälle. Ich krieg es sogar auf die Reihe, Bananen zu kaufen. Und es scheint auch zu klappen. Mein Darm verschließt vorerst, im Magen wird Beton angerührt. Prima.
Dann meldet sich der gute alte Jie Hu, den ich vor einem Jahr schon mal in Hangzhou besucht habe. Er ist bei Kunden in Shanghai. Kunden, die ich auch nächste Woche besuchen werde. Und heute Abend hat er frei. Es wäre Zeit, einer gewissen Tradition zu frönen, nämlich der des Bieres. Ich erkläre ihm meinen jämmerlichen Zustand. Dann erstmal frische Luft. Spaziergang. Sagt er. Machen wir dann auch. Ich kriege etwas Essen, dann weiter Spaziergang. Und irgendwann sind wir dann so weit gelaufen, dass wir auch eigentlich gleich irgendwo einkehren könnten. Aber ich will nicht.
Wir sitzen kurz darauf in der Windows Sportsbar-Disko. Mein ehrenwerter Bruder und Toni G. werden sich wohl noch an diese Lokalität erinnern, habe ich sie doch damals an unserem zweiten gemeinsamen Abend einfach dort alleine zurückgelassen, ohne dass sie genau wussten, wie sie unser Hotel finden sollten.
Aber ich trinke nichts.
Kurz darauf stehen zwei Einbecker Dunkel vor uns. Kalt. Und mit Kohlensäure. Wie sich das ein geschundener Magen so wünscht. Dieser geschundene Magen ist aber kein Magen mehr sondern mutiert immer mehr zum Betonmischer. So sehr rotiert er und wirbelt sein Inneres hin und her. Luft ist eingeschlossen und findet keinen Ausweg. Es sind wahre Qualen, die ich durchlebe.
Aber nur am Anfang des Bieres. Es wird besser und mit dem letzten Tropfen ist es dann ganz gut. Aber noch eins trink ich nicht.
Trink ich doch. Und das Dilemma nimmt wieder Fahrt auf. Das ändert sich auch nicht beim letzten Absacker-Cocktail. Früh geht es heim. Mit Taxi. Denn Schritte kann ich kaum noch tun ohne mich zu krümmen.
In Kabine 3 stell ich mit Erleichterung und Verzweiflung fest, dass ich tatsächlich Beton angerüht zu haben schein. Da hilft jetzt nur noch Beten, dass die Nacht was bringt.

China #2.6 Einmal bitte Kabine 3 freihalten.

Heute ist Mittwoch, ich bin schon drei Tage hier, ich sollte mal mit dem Anfangen, weshalb ich gekommen bin, nämlich an meiner Thesis arbeiten. Den Tag habe ich auch schon freigehalten, den Arbeitsablauf im Kopfe festgemacht. Als Büro soll die Bar auf der Dachterrasse dienen, in der man neben Internet auch eine wunderbare Sicht über den Bund aufs Pudong-Viertel vorfindet.
Wird nix draus. Der heutige Tag steht genauso wie der morgige im Zeichen des Laduzi. Als Laduzi bezeichnet man die Fehlfunktion des Körpers, wenn der Darm denkt, er spiele heute mal Blase. Und zwar eine Frauenblase, was Häufigkeit und Geschwindigkeit der Verdauung angeht. Nix bleibt drin. Und somit fülle ich auch erst mal bis zum Abend nichts nach. Das liegt daran, dass ich taktisch vorgehen muss: Ich darf mich nicht zu weit von einem westlichen Klo wegbewegen, denn aufgrund meines Knieschadens oder motorischer Unfähigkeit kommt ein östliches Hockloch nicht in Frage. Und ich darf mich möglichst keinen Klimaumschwüngen aussetzen, was aber nicht möglich ist, da ich ja dauerhaft in meiner kühlen Koje hocke und kaum raus kann, um Nahrung zu beschaffen. So soll für die nächsten zwei Tage das Bett oder aber Kabine 3, die bei jedem meiner 17 Besuche frei ist, Ort des bevorzugten Aufenthalts bleiben.
Am Donnerstagabend geht es dann endlich besser. Nahrung ist verzehrt und für die Thesis ist auch schon was geschafft. Mit etwas Glück lässt sich morgen auch wieder mit Genuss etwas essen und trinken und endlich auch das Büro nach Feierabend auf ein Bierchen aufsuchen.

Ps.: Kurz vor Fertigstellung dieses Beitrags wird Kabine 3 ein 18. Mal beehrt.

China #2.5 Fälscherbasar.

Heute schaffen wir es dann auch auf den Fälscherbasar. Pünktlich. Trotz plötzlichen Platzregens und Gewitters, der den Weg zur U-Bahn unmöglich macht. Bei jedem Donner erschreckt sich dabei ein Moped so sehr, dass der Alarm ausgelöst wird. Der jeweilige Besitzer ist natürlich nicht vor Ort und so ist jede Straße voll mit Regenmassen, Blitzen, Donnern und Alarmgeheule.
Der Fälscherbasar ist recht leergefegt, weshalb ich zunächst hoffe, dass man hier noch verzweifelter und zum Verkaufen gezwungen ist, als ich von den Basaren in Beijing gewohnt bin. Ist man aber nicht. Mit meinen Drohungen, weiter zu laufen und woanders zu kaufen, wenn der Preis nicht niedriger wird, komme ich nicht weit. Dann soll ich halt gehen. Letztendlich ist meine Ausbeute nicht so hoch. Aber das nötigste habe ich. Und recht günstig, also eigentlich spottbillig ist es auch. Weiß nicht, warum ich immer auf noch tiefere Preise bestehe. Ist eher Sport als Shoppen für mich.
Anschließend gibt’s zum Abend Fisch in scharfer Soße. Geht, bis ich einschlafe, auch fast gut!

China #2.4 Club-Abzocke.

Die Nacht im 4-Sterne-Zimmer ist vorbei, heute gilt es den Tatsachen ins Auge zu blicken und ins 8-Bett-Zimmer des Captain’s Hostel umzuziehen. Das hab ich zumindest vorher schon buchen können. Hier bleib ich vier Nächte, darf dann umziehen, weil Freitag alles ausgebucht ist und dann am Samstag wieder einziehen.
Meinem Vorsatz, möglichst nicht zu viel Geld zu verschwenden, setze ich erstmalig in die Tat um und fahre mit der U-Bahn dahin. Blöder Vorsatz. Ich bin schon wieder nassgeschwitzt, bis die U-Bahn erreicht ist, dann wird es zunächst kühl. Dann passt der Koffer nicht wirklich durch die Schranke beim Einlass. Dann müssen wir dreimal umsteigen, was mit viel Wandern verbunden ist. Dann geht’s raus und der Weg von der U-Bahn zum Hostel ist noch länger. Taxi wär um einiges unkomplizierter und nicht einmal fünfmal so teuer!
Anschließend will ich zum Fälscherbasar und um Kleidung handeln. Hab ja extra nur das nötigste mitgenommen, um dann hier so viel wie möglich günstig zu erwerben. Trotz Beschränkung auf vier T-Shirts und dem nötigsten an Hosen hatte mein Koffer allerdings schon bei der Gepäckaufgabe 20,5 kg auf der Waage. 9,5 kg stehen noch bereit. Eigentlich weiß ich auch, wo der Basar ist. Aber nur eigentlich. In Wahrheit finde ich ihn nicht. Oder er ist verschwunden, wegen der Expo oder so. In einem Jahr passiert hier ja viel. Nach einer langen Odyssee schlägt Mini vor, zu einem anderen Markt zu fahren. Der hat dann schon geschlossen. Verschenkter Nachmittag.
Zumindest bekomme ich eine Telefon-Karte. Funktioniert zunächst aber mitnichten. Ich verfluche Vodafone. Ziehen mir auf Dauer das Geld aus der Tasche und lassen mich jetzt scheinbar in China nicht mal ne einheimische Karte benutzen. Ich schiebe Hasstiraden und laber Mini damit voll. Es stellt sich später heraus, dass ich die Karte falsch eingelegt habe. Dabei ist das mit der abgeknickten Kante doch scheinbar so einfach. Wer dennoch mal was über Vodafone hören will, der darf sich gerne bei mir melden!
Unterdessen liefen schon die Abendplanungen und irgendwelche Freunde Minis meinen, im Muse 2 ginge es ab. Sie warnt mich vor, dass es dann immer so abläuft, dass die männlichen Teilnehmer eine gewisse Summe Geldes in einen Topf schmeißen würden, davon gäbe es dann Getränke und Plätze für den ganzen Abend. Klappt vielleicht in der Theorie. Aber nicht, wenn der, dem ich das Geld gebe, schon sehr dubios wirkt und das Geld lieber in die schmutzige Kleidung stecken sollte, mit der er woanders wohl eher nicht einen solchen eher gehobenen Club kommt. Letztendlich bekomme ich zwei Gläser Mischungen. Und die auch nur während eines Würfelspiels in dem der Verlierer trinken muss. Anschließend heißt es, wir würden noch ins KTV gehen. Dafür müsste man aber nochmal was in den Pott schmeißen. Mini und ich lehnen das Angebot dankend ab. Ihr ist das alles etwas peinlich. Aber ich winke ab. Schwamm drüber.
Für so was spar ich ja extra beim Bahnfahren.

China #2.3 Schimmeln.

Nach drei Stunden ist meine Frist im Netz abgelaufen. Ich könnte verlängern. Hat mich aber immerhin schon fast nen Euro gekostet und ich will doch duschen. Und schlafen. Also gehen wir raus auf die Straße. Es ist hell und nach dem ersten Eindruck her weniger heiß und stickig als in der Nacht zuvor.
Wir klappern weitere fünf Hotels ab und kommen dem ganzen schon näher. Immerhin gibt es jetzt schon welche, die mich aufnehmen würden, wenn sie ein Zimmer frei hätten. Dann endlich finden wir eins. Zwar ist noch kein Raum frei, aber bis halb neun sollte sich das erledigt haben. Wir bekommen auch irgendwie einen Rabatt von 25 %. Wahrscheinlich wegen Schönheit. Oder wegen Mitleid, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass ich noch ansehnlich aussehe. Trotz erstgenannter natürlicher Schönheit. Wir sitzen bis halb neun auf der braunen Lederimitat-Couch im Foyer und auch noch bis halb zehn. Dann werden wir endlich herbeigewinkt zur Schlüsselübergabe. Das Aufstehen erweist sich als schwierig. Denn durch verschiedene Lüfte und Klimata muss sich mein Schweiß und was sonst noch so auf meiner Haut vorhanden war in eine Säure gewandelt haben. Zumindest bleibe ich zunächst kleben und ziehe dann einen großen Teil der obersten Schicht des Lederimitats ab. Die Couch steht im Schatten, da sieht man das nicht. Aber mein Shirt ist dahin. Macht aber nichts. War ja sowieso ein günstiges China-Produkt und kann nun, wie geplant, durch ein neues ersetzt werden.
Die Dusche ist eine Wohltat, das Bett anschließend auch. Zunächst bis zum Abend, als der Hunger ruft. Endlich wieder verschiedene Speisen zu Reis und dazu eine leckere Erbsen-Limonade. Dann wird ein wenig am People’s Square geschimmelt bevor es wieder ins Hotel geht.

Page 13 of 41


Joomla Template by younic Joomla & Webdesign based on a Design by Free CSS Templates and beezDivision