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#009: 02.03. – 03.03.: „Wir tragen Trauer.“

Monday, 07 March 2011 15:11 | Last Updated (Tuesday, 30 November 1999 00:00) | Written by Mirko

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An alle, die bereits einmal in Xi’an waren, am neuen Campus, für ein Jahr oder nur für ein paar Tage, euch wird dieser Beitrag nicht gefallen. Denn wir tragen Trauer.
Am Mittwoch findet die Vorlesung „Fachchinesisch“ auf dem neuen Campus statt. „Fachchinesisch“ bedeutet in diesem Fall, dass wir in der Vorlesung Farbenlehre sitzen, einer Vorlesung des zweiten Semesters, und selbstständig Fachvokabular raussuchen. Unser Institutsleiter nimmt uns dafür eigenhändig in seinem Auto mit.
Wir sehen dies als gute Möglichkeit, anschließend den neuen deutschen Studenten einen Besuch abzustatten und ein Essen ist somit vereinbart, da sie bisher nur die Mensa kennen, und da gilt es, unsere ganze Erfahrung und Restaurant-Kenntnisse spielen zu lassen.
Richtig, wir wollen ins kleine Sichuan-Restaurant. Jenes Restaurant in der Fressstraße kurz vorm Dorf, dessen Chef nicht mit Schnaps geizt, dessen hausgemachtes Tofu sensationell schmeckt, dessen Speisekarte scheinbar jedes gutschmeckende Gericht führt, manchmal sogar Hund, dessen Klo sich direkt neben der kleinen, dunklen Küche befindet, durch die dann, offen gelegt, die Leitung dieses Klos führt, sodass man stets, wenn man schnell genug ist, noch seinem Geschäft noch einmal „Lebe wohl!“ sagen kann.
Ja, in dieses fabelhafte, einstige Stammlokal wollen wir wieder hin und den neuen das Gute zeigen.
Es soll nicht dazu kommen.
Ich frage mich, welche höhere Macht zu einer solchen Gräueltat imstande ist, wer Xi’an das Herz entreißen kann, Fakt ist: es ist geschehen. Das kleine Sichuan-Restaurant ist weg. Plattgemacht. Dort, wo einst noch die verzogene Glastür stand, hinter der die fettigen Gummi-Lamellen als Windschutz hingen, klafft jetzt ein großes Loch. Die Mauern sind eingerissen, genau wie in jedem anderen Restaurant nebenan. Hier und da lodert ein Feuer. Es sieht aus wie in einem Kriegsgebiet.
Selbst der Supermarkt, der mit unserer Abreise vor einem Jahr neu errichtet wurde, ist weg, es ragen nur noch die Stahlträger aus den Trümmern. Wir sind wie gelähmt, in Trance wandern wir dennoch weiter in Richtung Grauen. Denn dort, wo einst das Dorf stand, das Dorf, das mit der Stadt Xi’an scheinbar nichts mehr zu tun hat, wo man wahrlich noch sehr erstaunt war, wenn sich mal ein Ausländer verirrt hatte, obwohl nur 500 Meter weiter eine ganze Horde dieser Langnasen wohnt, wo das Fleisch noch auf der Straße liegend verkauft wird und die Hunde noch mit Tollwut rumlaufen, wo mit Manneskraft und Flaschenzügen noch die Backsteinbauten notdürftig in Schuss gehalten wurden, bergen sich nur weitere Trümmerhaufen. Hie und da sitzen zwischen den Trümmern Männlein, um Backsteine von Putz zu trennen, um das Metall von Beton zu lösen.
Die Dorfidylle ist weg, die Restaurants geschlossen, die Menschen vertrieben. Wohin, das ist die Frage. Diese stellen wir einigen Passanten, aber sie zucken nur mit den Schultern.
Martin und ich, mit Tränen in den Augenwinkeln, mit Verzweiflung im Magen, wir können nicht mehr. Wir überlegen, ob wir Blumen an den Ort des Geschehens legen, Jasminblumen vielleicht, aber ein Blumengeschäft existiert hier nicht mehr in den Ruinen zwischen all dem Bauschutt.
Es ist ein großer Kontrast zu erkennen. Rechts der Straßenseite eben beschriebene Ruinen, links davon türmen sich die prestigeträchtigen Bauten der Jiaotong-Universität auf. Die Jiaotong-Universität besitzt bereits geschätzte hundert mal einen Campus (mir ist die Mehrzahl momentan nicht bekannt) in der Stadt und eben dieser neue, prestigträchtige ist einfach nur aus Prestige gebaut, gelehrt wird da nichts.
Dennoch folgen wir dem roten, funkelnden Licht. Wir wandern über das, was Wiesen darstellen soll, geradewegs auf dieses Licht zu, wie einst die Heiligen Drei Könige und auch wie sie landen wir an so etwas wie einer Geburtsstätte. Hier trennt sich aber auch schon der Vergleich zur Geschichte, denn bei uns handelt es sich um eine Wiedergeburtsstätte. Das kleine Sichuan, es lebt. Zumindest in einer abgespeckten Beta-Version.
Die Türen passen, der Boden ist sauber, die Küche recht modern, das Klo ebenso, der Abflusskanal verläuft unterirdisch, die Speisekarte bietet nicht mehr alles, erst recht kein hausgemachtes Tofu mehr, dafür gibt es Grillspieße und der Chef, ja, der Chef ist nicht mehr, aber sein Nachfolger sei seines Nachfolgers würdig, sagt er zumindest von sich selbst.
Es ist nur ein kleiner Lichtblick an diesem tristen Tag der Trauer. Und somit ist für Martin und mich auch im stillen Einverständnis die Entscheidung gefallen, dass es uns wohl nicht zurückziehen wird auf den neuen Campus, sollte dort eine Wohnung für uns freiwerden. Denn jedes Mal, wenn wir durch das Tor wandern und unser Blick versehentlich nach rechts schweift, wird dieser Klumpen in den Hals zurückkehren, die Tränen in die Augen schießen und die Verzweiflung über dieses abscheuliche Verbrechen der Menschheit gegenüber wieder aufkommen.
Ich befürchte, ich würde es nicht aushalten.
 

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#008: 28.02 – 01.03: „Nichtskönner, originale Nichtskönner!“

Friday, 04 March 2011 16:59 | Last Updated (Tuesday, 30 November 1999 00:00) | Written by Mirko

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Der Wecker klingelt um halb sieben viel zu früh. Bereits eine halbe Stunde später sind wir fertig und haben noch eineinhalb Stunden für die Fahrt zum neuen Campus, wo der Uni-Shuttle-Bus wartet, der garantiert auch die Fahrt von hier aus angetreten ist. Wir vergeuden noch eine Dreiviertelstunde, um dann mit dem Linienbus eine ebenso lange Fahrt anzutreten. Man bedenke, dass ich den selben Weg mit dem Fahrrad früher in zehn Minuten abgerissen habe. Fazit: Wir kommen leicht zu spät und lassen den Auslandsamt-Typen im Regen warten. Ja, Regen. Heute ist es ganz und gar nicht schön, es regnet, ist kalt und dreckig, überall und es passt somit zu unserer Startzeit in Xi’an.
Der Shuttle-Busfahrer hat es mit dem Weg nicht so drauf, fährt mal so, mal so, um dann nach einer halben Ewigkeit erst bei der großen Wildganzpagode anzukommen, die mit einmal links abbiegen nach fünf Minuten hätte erreicht sein können. Fazit ist, dass beim Arzt keine Termine frei sind. Keine bis auf einen, nämlich für mich. Ich werde bevorzugt, weil man anscheinend bei einem Drei-Monatsvisum nur einen Monat Zeit hat, dieses auf ein Jahr zu verlängern. Und wer mich eifrig verfolgt hat hier, der weiß, dass ich schon zweieinhalb Wochen dieses Monats in Shanghai verhartzt habe.
Natürlich wird mein in Deutschland teuer erworbenes Gesundheitszeugnis nicht anerkannt. Und natürlich hat der Typ vom Auslandsamt keinen Plan von dem, was ich machen muss. Also wird zunächst ein Bogen halb ausgefüllt. Nein, den anderen Teil müsste ich nicht ausfüllen, wird mir geantwortet. Und nein, ich müsste das nicht erst am Schalter abgeben, an dem „Check“ steht, sondern mich gleich in die lange Schlange anstellen. Und da er natürlich keine Lust hat, mich weiter zu begleiten, steh ich alleine in der Schlange. Eine Stunde lang. Am Schalter für „Pay“ werde ich nur komisch angeschaut und gefragt, warum ich erstens den Zettel schon oder noch hätte und zweitens ohne Stempel diesdas. Daraufhin lacht die Dame am leeren Schalter von „Check“: „Der LaoWai hat sich falsch angestellt!“
Natürlich glaubt man mir nicht, dass der Lehrer Schuld sei, man begünstigt mich aber und schiebt mein Formular mit ein. Ich dürfte mir aber ja nicht einbilden, dass die jetzt noch meine Röntgenaufnahme oder den Rest des Zeugnisses irgendwie anerkennen würden. Und überhaupt: Warum habe ich den Teil (den ich zuvor beim Prof hinterfragt hatte) nicht ausgefüllt? Selbstredend ist das sehr wichtig.
Und dann geht der Spaß los. Nach Bezahlung der beachtlichen Summe von 392 RMB wird mir zunächst Blut abgezapft. Dazu lege man seinen Arm in eine Durchreiche, bekommt diesen mit einem Gummischlauch abgeschnürt und in Metzgermanier wird dann die Nadel reingerammt. Recht kompromiss- aber auch schmerzlos passiert das und man blutet auch anschließend nicht viel nach.
Im dritten Stock streite ich dann zunächst mit der Dame vom EKG, dass sie sich meine Werte doch angucken könnte, die wären recht frisch. Aber EKG ist ja auch beruhigend, also werde ich noch einmal angestöpselt. Und dem Arzt von der Röntgenzentrale knalle ich mein Röntgenbild auf den Tisch. „Was hier nicht gemacht wurde, glaube ich nicht,“ ist nur sein humorloser Kommentar dazu. Ich will ihn noch erklären, dass der Herr Röntgen nicht 王红 mit Vornamen hieß, sondern Konrad und man dementsprechend der Technik in meinem Heimatland vertrauen könnte, aber das ist ihm scheißegal. Ich werde an die Wand gestellt, bekomme keinen Lendenschurz und dann ist das Röntgenbild auch schon im Kasten und ausgedruckt. Sonderlich betrachten tut der Arzt es dann nicht, warum auch?
Nun ist eigentlich all das abgehakt, was man laut offiziellen Botschafts-Gesundheitszeugnissen durchchecken lassen sollte. Aber wenn man hier schon dabei ist, bekommt man noch eine kostenlose Ultraschall-Untersuchung sowie einen Sehtest mit. Beim ersten fühl ich mich wie ein Schwangerer, beim zweiten wird meine schlechte Laune zumindest etwas aufgehellt, als man mir sagt, dass sowohl mein Chinesisch als auch meine Augen sehr gut sind. Und das, obwohl zunächst Verwirrung herrscht, als ich ihr die ganze Reihe von Zahlen runterratter und nicht nur die eine nenne, auf die sie zeigt.
Den Rotz namens Gesundheitszeugnis gebe ich dann ab und bekomme einen kleinen Zettel auf dem steht, dass ich wohl Donnerstag das offiziell abgesegnete Zeugnis abholen kann. Trifft sich gut, denn dann sind Martin und die zehn Bachelorstudenten da und können es entgegennehmen.
Doch nach dem Arzt ist noch nicht Schluss mit für mich mit dem für mich lächerlichen Beamten-Mist, ich muss noch zur Polizei und mich anmelden. Hätte ich auch schon in Shanghai gemusst, aber da fehlte mir stark die Lust zu. Bei dieser angekommen betrete ich den Laden und sage: „Hallo, ich bin LaoWai und ich bin gerade angekommen.“ Ich sage absichtlich nicht mehr, um zu schauen, wie es mit ihrer Kombinationsfähigkeit aussieht. Es wird sich kurz beraten, dann begleitet man mich zum Büro des offiziellen Gäste-Empfängers. Der öffnet nur widerwillig und nach einigem Klopfen und es ist recht mystisch, als er die Tür öffnet und mir erst eine Menge Rauch entgegenkommt, bevor er mit halb geöffnetem Hemd und grimmiger Visage zu Vorschein kommt. Was ich wolle, werde ich gefragt, nicht gerade freundlich. Und wo dann mein Lehrer sei. Mit der universellen Ausrede „er ist beschäftigt“ befriedige ich ihn nicht wie gewünscht, sondern bekomme nur zu hören: „Geh!“
Und ich leiste Folge.
Meine Laune ist sehr im Keller, der Regen, die kalte Luft und der Mangel an Taxis in dieser Region Xi’ans tragen nicht gerade zur Aufhellung bei und ich frage mich, warum ich mir das Ganze eigentlich schon wieder antue. Bisher besteht mein noch junger Xi’an-Aufenthalt aus einer Menge Frustrationen.
Der Tag wendet sich aber doch noch zum Guten, die erste Vorlesung ist verständlich, sowohl inhaltlich als auch zum großen Teil sprachlich und anschließend gibt es ein Wiedertreffen mit Yoyo in einem Fleisch-Spieß-Restaurant.
Der nächste Tag besteht dann aus einem Treffen mit den Herren und Damen Institutsleiter und Professoren zwecks weiterer Stundenplangestaltung und Projektthemen. Diese sollen wir so schnell wie möglich raussuchen, am besten im Internet. Das ist dann leichter gesagt, als getan, denn Internet muss natürlich erst noch beantragt werden. Das ist der nächste Schritt und auch hier gibt es wieder Hindernisse, gibt es doch für die verschiedenen Bereiche vom Campus verschiedene zuständige Stellen und überhaupt würde das noch ein paar Tage dauern. Und auch die nächste Vorlesung ist nicht gerade angenehm, der Prof, ein ganz junger Kauz, steht nur grinsend vorne und erklärt, dass er nur Vertretungsprof ist und gar nicht so recht wüsste, wie er uns was beibringen sollte und es wäre ihm dementsprechend auch recht egal, ob wir kämen oder nicht, seinetwegen könnten wir auch in Eigenregie die Bücher lesen. Also das sagt er zu den Chinesen, um dann beizufügen: „Und den Ausländern kann das ganze sowieso egal sein, weil sie überhaupt nichts verstehen.“ Doch wir verstehen. Und somit ist dieser Herr in unserer Gunst ganz weit nach unten gerutscht, wir werden uns jetzt ordentlich vorbereiten, um ihn mit komplexen Fachfragen zu bombadieren.
Der Erfolg des heutigen Dienstags besteht darin, dass wir unsere Sofas aus der Folie entpacken und ich mein Bett aufbaue. Somit kehrt ein wenig Lebensqualität in die Bude.

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#007: 27.02 – 27.02: „Die Uni sagt: Willkommen im Loch!“

Tuesday, 01 March 2011 23:52 | Last Updated (Tuesday, 30 November 1999 00:00) | Written by Mirko

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Mein Gepäck ist in den letzten Wochen dann doch noch einmal um weitere 3 kg angestiegen und dieses Mal wird es am Schalter des HongQiao-Airports in Shanghai moniert. Ich drücke auf die Tränendrüse, klage mein Leid, dass ich doch wieder für ein Jahr in Xi’an leben müsste, bei meinem Flug nach Shanghai eine Gepäckmenge von 30 kg galt und ich auf der Homepage von Juneyao Airlines kein Limit gefunden hätte. „Ja, aber trotzdem haben Sie Übergepäck, nämlich 8 kg.“ Ich versuche sie noch zu überzeugen, dass sie das ja nicht hätte gesehen haben müssen, aber sie besteht drauf. „Okay, was kostet der Spaß dann?“ „19 pro Kilo.“ Und sie meint tatsächlich 19 RMB. Also zwei Euro. Das ist ein Fünfzehnstel von dem, was die Lufthansa nehmen würde. Auch wenn sie mir den Tipp gibt noch umzupacken, zahle ich alles, denn auch mein Handgepäck ist schon zum Bersten gefüllt und auch hier habe ich bereits 13 kg vorzuweisen (plus Laptop-Tasche). Doch sie ist nicht daran interessiert, auch dieses zu wiegen.
In Xi’an kommt dann, trotzdem ich der Betreuerin noch am Flughafen schnell eine Mail mit meiner Ankunftszeit schrieb, kein großes Begrüßungskommittee, sondern nur Martin, mein jetziger Mitbewohner. Er hat schon eine Odyssee hinter sich, da er weder im Besitz eines Handys (im Flugzeug vergessen) noch einer Nummer von irgendwelchen Verantwortlichen hier ist, weshalb er erst von einem Campus zum anderen hetzen musste, um einen vom Auslandsamt mit den Schlüsseln zu unserer Wohnung zu finden.
Der Herr ließ ihn dann noch warten, um dann die Pforten zu unserer neuen Wohnung zu öffnen. Nun, diese war wohl recht klein, in eins der Zimmer hätte kein Bett gepasst und der Vorschlag, dass einer im Wohnzimmer schlafen könnte, war jetzt auch nicht soo toll. Aber gut, es gibt noch eine Ersatzwohnung. Mir war bereits aus Erfahrung klar, dass eine Wohnung in China nicht gleich „besenrein“ und bezugsfähig ist, aber dass es uns so treffen würde, hätte ich dann doch nicht gedacht:
Bei Ankunft ist der Boden grau bis schwarz, genau wie Möbel und Geschirr. Der Staub sitzt in jeder Fuge und auf jeder Oberfläche, mit einem Besen ist da nicht viel getan und auch ein Staubsaugerbeutel wäre nach wenigen Quadratmetern voll. Also heißt es kurz Koffer abstellen, sich stärken, bei Walmart Putzmittel geholt und dann rein in den Kampf. Wir entschließen uns dazu, nach Entstaubung der Möbel die Wohnung zu fluten. Da sie noch recht spärlich ausgestattet ist, geht das ganz gut. Wir kippen also Wasser über den Boden, um den Staub zu binden und dann den ganzen Schmodder mittels Fensterabzieher ins Bad zu lotsen, wo ein Ausguss ist. Bei diesem Unterfangen fällt die deutliche Schräglage des Hauses auf, da das Wasser von Martins Zimmer links vom Wohnzimmer relativ schnell von alleine den Weg in mein Zimmer rechts vom Wohnzimmer gebahnt hat. Diese Schräglage erkläre ich mit der großen Baustelle vor unserem Haus, wegen der einiges an Erdreich weichen musste. Vielleicht sollte ich also meinen Schreibtisch, an dem ich selbstredend in nächster Zeit viel und lange sitzen werden, nicht vor das Fenster schieben, um nicht zu viel Gewicht auf die Seite zu verlagern.
Drei Stunden wischen wir dann den Dreck ins Bad, schütten Wasser über die Küchenzeile und putzen hier und da. Das Wasser im Bad fließt natürlich nicht ab, da der Ausguss logischerweise nicht am Tiefpunkt des Bads liegt, sondern einiges höher. Das Bad ist also über das nächste Jahr ein wahres Feuchtgebiet.
Beiläufig erzählt mir Martin noch, dass wir morgen um halb neun am neuen Campus eintreffen sollen. Von dort geht es dann zum abermaligen Gesundheitscheck. Ich freue mich jetzt schon!

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#006: 25.02 – 26.02: „Post ist nicht gleich Post.“

Tuesday, 01 March 2011 23:51 | Last Updated (Tuesday, 30 November 1999 00:00) | Written by Mirko

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Philipp hatte eine glorreiche Idee: Mirko geht zurück nach China und da es da die chinesischen Laternen für viel weniger Geld und an jeder Straßenecke gibt, kauft er mir 12 Stück davon und schickt sie dann günstig nach Deutschland.
Und Philipp hatte Recht: Die Laternen gibt es an jeder Ecke und auch sehr günstig, also sind die zwölf Stück in verschiedenen Größen schnell gekauft. Eine Post ist auch gleich um die Ecke des Appartements, also frage ich mal, wie groß die Kartons sind, die sie anbieten. Eigentlich soll der alte Herr mit den langen Fingernägeln LaoWais gegenüber ein echtes Ekel sein, kein Chinesisch = kein Service, aber zu mir ist er sehr nett, wenn auch direkt: Du willst was ans Ausland schicken, dann musst du zur nächst größeren Poststelle fahren. Er ist so gütig und schreibt mir die Adresse auf.
Am Freitag habe ich dann meinen freien Nachmittag. Da kann man schnell zur Post fahren. Als Max und ich bei der Poststelle ankommen, schwant mir schon Böses, denn die Kartons, die hinter dem Verpacker an der Wand lagern, sind nicht unbedingt die größten. Er probiert zwar noch, die größten so zurechtzuziehen, dass die kleinsten Laternen reinpassen, merkt dann aber schnell, dass man sie dann nicht mehr schließen kann. Wo es größere Kartons gibt, weiß er nicht. Und selbstverständlich könnten wir die zwei großen Tüten auch nicht in der Poststelle lagern, solange wir weg sind.
Wir klappern also die Straße ab, werden aber nicht fündig. Für Ausländer gibt es in Shanghai aber die „goldene Nummer“, die einem jederzeit hilft. Max hat sie in der Vergangenheit oft bei den Fragen „Was ess ich heute, Nudeln oder McDonald’s?“ und „Geh ich heute Abend aus oder nicht?“ geholfen und auch für unser Anliegen bzgl. Umzugskartons ist schnell eine Adresse gefunden, die im Nu per SMS auf dem Mobilfunktelefon landet. Der Taxi-Fahrer kann die Zeichen auswerten und bringt uns nach recht weit Außerhalb. Ein Baumarkt soll uns scheinbar behilflich sein. Zunächst sind wir ihm aber behilflich. Zwar kommen hier auf einen Kunden vier Angestellte, aber scheinbar ist keiner des Englischen mächtig. So werde ich schnell rangezogen, Christina anzurufen um zu fragen, ob die „strong box“ angekommen ist. Christina ist nicht da, also darf ich noch schnell den englischen Text aufschreiben.
Im Baumarkt gibt es dann aber keine Umzugskartons zu kaufen. Wir suchen unser Glück also zunächst in den Verpackungskartons der angebotenen Waren und finden einen recht passablen, dürfen ihn sogar verwenden. Die größten Laternen passen aber nur gerade so diagonal rein, was dann keinen Platz mehr für die kleineren lässt. Der Karton von den Stühlen im Mittelgang ist da schon geeigneter, der Verkäufer scheint uns aber nicht zu mögen und meckert uns nur an, dass man ihn doch noch bräuchte, wenn jetzt alle Stühle gekauft würden. Ich fühle mich nicht von ihm nicht geliebt. Wir treten also den Rückzug an und fragen an der Rezeption bei der Dame mit dem Telefonproblem vom Anfang an, wo wir noch Kartons herbekommen könnten. Sie weiß es selbstredend auch nicht, fragt aber, ob wir drinnen nicht fündig geworden seien. Ich klage mein Leid mit dem Stuhlkarton, woraufhin sie sich aufplustert und uns hinterherziehend in den Mittelgang stapft. Sie macht den Verkäufer etwas zur Sau und drückt uns den Karton in die Hand. Der Verkäufer dürfte nun angesichts seines Gesichtsverlust Ausländer nicht unbedingt mehr mögen, als vorher.
Aus lauter Dankbarkeit und auch aus schlechtem Gewissen kaufen wir noch ein Zweierpack Schwämme, einfach so, um den Laden nicht ganz auszunutzen. Schließlich muss er auch noch 100 Angestellte durchfüttern.
Der Karton, wenn auch recht ramponiert, ist nun also erschnorrt. Draußen sehen wir, dass ein Besuch bei METRO wahrscheinlich unkomplizierter, wenn auch teurer, aber gewiss auch von der „goldenen Nummer“ angedacht wäre. Das soll uns aber jetzt mal egal sein, wir wollen das Paket jetzt nur noch abschicken. Und dafür geht es zurück zum Postamt um die Ecke. Der alte Herr mit den langen Fingernägeln lässt uns erst in der Schlange warten, wenn er auch schon immer wieder unser Paket beliebäugelt. Nein, selbstverfreilich könnten wir auch mit besorgtem Paket bei ihm nichts ins Ausland schicken. Also zurück zum nächstgrößeren Amt.
Hier wird der Karton dann gut mit Klebeband verarztet, bis auch jedes kleinste Luftloch verschlossen ist. Mit 468 RMB bei 8 kg Gewicht ist der Versand dann aber auch gar nicht mal mehr so günstig, wie zuvor gedacht. Aber laut Philipp rechnet sich das immer noch. Wenn er jetzt aber noch die 2,5 Zeitstunden Aufwand des ausgebildeten Bachelors of Engineering mit einberechnet, hätte er doch lieber bei Amazon bestellen sollen. Aber der Freundschaftsdienst sei ihm selbstredend gegönnt!
Am Abend findet dann Max Abschiedsessen statt. Es geht zum Teppanyaki-Mann unseres Vertrauens. Wir sind wieder gut drauf, die Kellnerinnen aber nicht ganz so. Es endet damit, dass wir unseren Sake nicht mehr in den schönen kleinen Tonflaschen gereicht bekommen, sondern dass man uns gleich 3-Liter-PET-Flaschen auf den Tisch donnert. Der Qualität tut das aber keinen Abbruch.
Nach dem C’s ist ein Gang ins Gogo China, den wir uns seit zwei Wochen aufschieben, natürlich Pflicht. Die Damen sind selbstredend zunächst sehr nett und durstig und bleiben es auch die nächsten Stunden, während wir sie im Tischfußball und „4 gewinnt“ abziehen. Also mehr oder weniger. Dass sie hier aber nicht nur für solche Spiele angestellt sind, merken wir, also weitere Westler den Laden betreten und uns keine große Aufmerksamkeit mehr geschenkt wird. Ich bedaure noch, dass hier mit den männlichen Gefühlen aus Profitgeilheit sehr gespielt wird und wir verlassen den Laden doch eher angewidert.
Der Samstag geht zum Verdauen dieses Ereignisses und geliefertem indischen Essens drauf.

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#005: 20.02 – 24.02: „Sonderlich viel steht ja auch nicht an.“

Saturday, 26 February 2011 20:10 | Last Updated (Tuesday, 30 November 1999 00:00) | Written by Mirko

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Sonderlich viel steht momentan nicht an. Zumindest nichts großartiges. Und dennoch finde ich mich viel öfter an irgendeinem Geldautomaten wieder, als ich mir eigentlich erhofft hatte. Ich versöhne mich, wie schon damals einst, mit dem Gedanken, dass ich ja keine Miete zahle und kann mich auch wahrlich damit beruhigen, dass meine bisherigen Ausgaben in den letzten zwei Wochen die Monatsmiete eines Stuttgarter Wohnheimszimmers nur knapp bis kaum bis mäßig bis so mittel übersteigen, ich also noch volle Pulle im Soll bin. Und der Monat ist ja auch bald rum.
Aber woran liegt das? Nun, es sind die kleinen Dinge, die sich anhäufen. Essen ist ja ach so billig und die Getränke auf der Straße auch. Und der Fake-Market bietet auch so viel, man handelt, weil man's kann und schwupps hat man den ein oder anderen Pullover und viel Kamera-Gedöhns und dies und das mehr in der Tasche, obwohl man doch weiß, dass man bald weiter nach Xi'an fliegt und der Koffer bereits bei Ankunft in Shanghai Übergepäck aufwies und nur geringfügig leichter wurde durch die mitgebrachte Salami für Max.
Nun, und so vergehen hier die Tage. Der Sonntag mit günstigem Fake-Markt für Klamotten und Kamera-Zeugs, der Montag mit günstiger Burger-Night im World Financial Center (Flaschenöffner), wo es zwei mittelteure (gute) Burger zum Preis von einem gibt, genauso wie Biers (also geschenkt, quasi), der Dienstag mit der Abholung der maßgeschneiderten Hemden inklusive Restbezahlung, der Mittwoch mit abermals einem Fake-Markt und gutem Messer (einfach, weil's Stil hat, ein ultrascharfes Messer zu besitzen – die Gefahr stets in der Nähe) und der Donnerstag... Tja, der Donnerstag verläuft bisher sehr günstig. Aber wir werden bestimmt noch eine großartige Kostenquelle finden, und wenn es nur das GoGo China von gegenüber ist. Da wird man nämlich geliebt und zwar so richtig. Wann immer wir abends da vorbeilaufen, es reicht nur der Anblick unserer grandiosen Körper aus und schon öffnen sich die Türen, kreischende Frauen laufen heraus und brüllen in 1,5 Sekunden den Satz "Hello handsome Boy! Come in buy one get one free!".
Aber auch wir werden knauserig, weshalb wir den Schuppen noch nicht besucht haben. Denn nebenan gibt es einen Family-Mart und da gibt es dieses "one" ausgeprägter, nämlich "buy one get 11 free". Natürlich bezieht es sich auf Biers, ich bekomme schon beinahe ein schlechtes Gewissen, dass dieses Wort in einer Großzahl meiner Beiträge vorkommt. Aber es schmeckt ja auch gut, so ein Bier.
Knauserig bin ich auch tagsüber, wenn ich mich in meinem Office, dem Starbucks breit mache und des Gewissens wegen mir etwas zu trinken bestelle. Da verzichte ich gerne auf Kaffee, sondern beziehe den verhältnismäßig günstigen chinesischen Tee. Denn dieser hat eine Refill-Option und so nutze ich einen Teebeutel auch fünf mal aus, um abermals mein Gewissen zu beruhigen. Denn von der Theorie her habe ich dann pro Becher nur 4 RMB bezahlt.
Eine Delikatessenschnäpchen der Extraklasse machen wir am Mittwoch beim Fotografieren des Bunds, als vier Leichtmatrosen von der Marine uns mit einem Kasten des wohl weltbesten Bieres entgegenkommen. Leider ist es nur ein Kasten von Haake Beck, aber das darin gelagerte Beck's, zu dem wir eingeladen werden mundet auch gleich noch besser als die Qingdaos oder Suntorys hier. Ekelhaftes Carlsberg bekommen wir im Übrigen am Sonntag in der Windows-Bar. Die Flasche ist schon ein halbes Jahr alt und garantiert in China genauso gut kühl gelagert, wie das Fleisch auf dem Markt. Die Beschwerden versteht man nicht, schließlich steht am Flaschenhals, dass es neun Monate haltbar sei, man gibt unserem Aufstand aber nach und tauscht die Getränke um.
A propos Aufstand: So etwas gibt es hier in China nicht. Eine erneute Jasmin-Revolution muss eine Hetzkampagne der westlichen Medien sein, sonst hätte man hier im TV ja irgendwas mitbekommen. Gut, die öffentlichen Plätze sind mit Polizisten und Schäferhunden deutlich stärker bewacht, aber das hat selbstredend nichts zu bedeuten. Ich schwör! Und überhaupt, sollte man hier nicht froh sein, dass die Hunde ausgeführt werden und was sehen von der Welt, bevor sie im Kochtopf landen?

Und hier der Metro-Tipp des heutigen Beitrags:
Ein handelsüblicher Fisch lässt sich locker ohne viel Schnitzerei ausnehmen. So muss man nicht mehr den ganzen Bauch aufschnibbeln, sondern es reichen locker zwei kleine Schnitze hinter den Kiemen und vor dem After. Sind diese gemacht, spielt man etwas am Mund des Fisches rum, bis dieser offen steht und einen blöd anguckt. Zwei Essstäbchen werden daraufhin an beiden Seiten des Mundes hineingeschoben in einer imaginären geraden Linie hin zum After. Beide Stäbchen werden dann fest zusammengedrückt und ein paar Mal im Mund gedreht. Presst man anschließend weiterhin beide Stäbchen fest zusammen und zieht sie heraus, hat man den ganzen Schmodder an Gedärmen dazwischen klemmen.
Jetzt noch den Mund und den Bauch fein mit Wasser ausspühlen, sodass es aussieht, als würde der Fisch Blut kotzen.
Was das Ganze bringt, weiß ich jetzt auch nicht. Aber zumindest muss man keinen Kaiserschnitt machen. Vielleicht kann man den Fisch so besser ausstopfen!

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